Trauma


„Trauma-adaptierte“ Suchttherapie im Haus Kraichtalblick

Sucht als Bewältigungsversuch:      „Mit Alkohol konnte ich vergessen…“

 

Gewalterfahrungen in der Kindheit gelten als wichtigster Risikofaktor für die spätere Entwicklung einer Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten oder illegalen Drogen.

Viele unserer Patientinnen haben in der Vergangenheit seelische, körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. Die Folgen früher und anhaltender Traumatisierungen zeigen sich häufig in psychosomatischen Folgestörungen, vor allem Posttraumatischer Belastungsstörung (PTSB), Borderline-Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Angst- und Essstörungen.

 

Der Einsatz von Suchtmitteln wie Alkohol, Medikamente und illegalen Drogen, aber auch das Pathologische Spielen sind als Versuch der Selbstmedikation und Selbstheilung zu verstehen: die Betroffenen setzen Suchtmittel ein, um die quälenden Symptome der Traumatisierung zu betäuben und zu bewältigen. Dieser Versuch ist jedoch dysfunktional, da der Konsum von Suchmitteln die negativen Empfindungen wie Schuld- und Schamgefühle, Hoffnungslosigkeit, Wut und (Auto-) Aggression nur kurzfristig betäubt, langfristig aber verstärkt. Der innerpsychische Teufelskreis aus aversiven Gefühlen und dem dringenden Wunsch, diese durch den Konsum von Suchtmitteln zu betäuben wird so immer weiter angetrieben. Daher ist es wichtig, von Anfang an beide Problemfelder therapeutisch zu bearbeiten.

 

 

Die integrierte Behandlung von Sucht und Trauma ist notwendig:

„Ohne Alkohol halte ich den Schmerz  nicht aus“

 

Der beschriebene Teufelskreis aus Traumatisierung und Suchtentwicklung macht eine parallele Behandlung beider Problematiken erforderlich.

Bezüglich der Suchterkrankung stehen folgende Therapieziele im Vordergrund: Krankheitseinsicht und Abstinenzmotivation, Funktionalität des Suchtmittels verstehen und alternative Lösungsstrategien entwickeln, Abstinenzkompetenz und Rückfallprävention.

Hinsichtlich der Traumafolgen geht es vor allem um die psychische Stabilisierung und Ressourcenaktivierung der Patientinnen. Der schützende und wertschätzende Rahmen unserer Frauenklinik und die fachlich qualifizierte therapeutische Begleitung ermöglichen die Entwicklung suchtmittelfreier Lösungen zur Linderung und Bewältigung der als überaus quälend empfundenen Symptome.

 

 

 

 

Häufige Symptome (komplexer) Traumatisierung

 

 

Übererregung:           „Entspannen, das geht gar nicht …“

 

Traumatisierte Menschen leiden meist unter chronischem Stresserleben. Sie sind in ständiger „Hab-Acht-Stellung“, regen sich sehr schnell auch über sogenannte Kleinigkeiten auf (die „Mücke an der Wand“) und haben große Schwierigkeiten sich wieder zu beruhigen. Auch gravierende Schlafstörungen und eine erhöhte Schreckhaftigkeit sind verbreitet. Vereinfacht könnte man sagen, dass das (psychische und physische) Alarmsystem traumatisierter Menschen in Dauerbereitschaft ist, wodurch aber die für jeden lebenden Organismus notwendige Erholung und Regeneration verhindert wird. Diese Patientinnen erleben chronischen (posttraumatischen) Stress und haben dadurch das Gefühl, ständig in Gefahr und niemals in Sicherheit zu sein.

 

Die Verbesserung des subjektiven Gefühls von Sicherheit ist für die Behandlung zentral.

Wir fördern dies durch die Bereitstellung des geschützten Rahmens einer Frauenklinik und durch Trauma-spezifische Interventionen. Die Patientinnen werden auf der Grundlage eines verlässlichen therapeutischen Beziehungsangebotes an eigene Ressourcen und gesunde Möglichkeiten der Selbstberuhigung herangeführt. Hierzu gehören u.a. Entspannungstraining, Imaginationen und Achtsamkeitsübungen (vgl. L. Reddemann), Einüben von Fertigkeiten zur Selbstregulation, so genannten skills (vgl. M. Linehan; A. u. M. Sendera) und Angebote der Sporttherapie (z.B. Körper- und Fitnesstraining, Laufen).

 

 

Vermeidung:              „Ich gehe allem aus dem Weg, das mich erinnern könnte…“

 

Viele Betroffene leben sehr zurück gezogen, sie meiden Menschenansammlungen und Kontakte allgemein. Manche meiden bestimmte Orte, bestimmte Menschen, Gerüche oder Aktivitäten, da diese (oft unbewusst) mit dem Trauma assoziiert sind. Auch wenn das Vermeidungsverhalten ursprünglich als Schutz vor der Konfrontation mit traumatischen Erfahrungen sinnvoll war, trägt es indirekt zur Verschlechterung der Lebenssituation bei, da diese Menschen dadurch in ihrer persönlichen, sozialen und beruflichen Entfaltung zusätzlich behindert und isoliert sind.

 

Die Klinik stellt ein gutes Übungsfeld dar, sich im geschützten Rahmen auf soziale Kontakte einzulassen, problematische Verhaltensweisen wahrzunehmen und schrittweise zu verändern. Wenn es gelingt, eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung zu etablieren, kann in der Einzeltherapie eine vorsichtige Auseinandersetzung mit dem Trauma beginnen, indem die Funktionalität der Vermeidung reflektiert und neue, für die heutige Situation angemessene Strategien zum Schutz entwickelt werden können.

 

 

Schwierigkeiten im Umgang mit starken Gefühlen:

„Entweder ich bin völlig überflutet – oder ich fühle mich gar nicht …“

 

Die meisten Menschen mit traumatischen Erfahrungen erleben Gefühle als bedrohlich. Sie fürchten, diese nicht regulieren zu können und die Kontrolle über sich zu verlieren. Sie haben große Schwierigkeiten mit Ärger umzugehen, also diesen angemessen wahrzunehmen und gegenüber anderen zu äußern. Sie schwanken zwischen „explodieren“ und „runterschlucken“ und erleben beide Extreme als unbefriedigend und beängstigend. Für traumatisierte Menschen ist Kontrolle (über sich, über die Situation, über andere Menschen) von existentieller Bedeutung. Auch bei positiven Gefühlen (z.B. Vorfreude) schwingt immer die Angst mit, dass auch negative Gefühle (z.B. Enttäuschung, Schuldgefühle) angestoßen werden können, die dann schwer zu ertragen sind.

 

Zur Bewältigung von unerträglichen Gefühlen haben viele traumatisierte Menschen gelernt, ihre Gefühle „abzuschalten“. Sie wirken distanziert und unbeteiligt, leiden aber darunter, sich nicht zu spüren und nichts fühlen zu können.

 

Ein wichtiges Therapieziel besteht darin, zu lernen die eigenen Gefühle als grundsätzlich berechtigt wahrzunehmen, sie aktiv regulieren zu können und auch mit hochschießenden Impulsen fertig zu werden. Vor allem in der Einzeltherapie aber auch in der Indikativgruppe „Umgang mit Trauma und Gewalterfahrung“ werden aktive Strategien zur Verbesserung der Selbstwahrnehmung, Selbstregulation und Selbstberuhigung erarbeitet und eingeübt (sog. Skills; sh. M. Linehan; Sendera).

 

 

Selbstzerstörerische Verhaltensweisen:      „Ich weiß selbst nicht, warum ich das tue…“

 

Besonders diejenigen Patientinnen, die starke Gefühle wie z.B. Ärger und Wut gar nicht nach außen zeigen können, richten die erlebte Spannung oft gegen sich selbst. Dies zeigt sich in  ausgeprägtem Risikoverhalten, exzessivem (selbstschädigendem) Suchtmittelkonsum und in para-suizidalen Handlungen oder Selbstverletzungen in Form von Ritzen und Schneiden.

In der Therapie gehen wir davon aus, dass selbstverletzende Verhaltensweisen ursprünglich auch funktionale Aspekte hatten (Dissoziation beenden, Spannungsabfuhr, Selbstbestrafung), dass dieses Verhalten jedoch in der jetzigen Situation durch andere Strategien ersetzt werden soll und kann. Wir versuchen daher, mit den betreffenden Patientinnen bei Schneidedruck von Anfang an aktiv alternative Lösungen zu erarbeiten (z.B. flexible Gesprächsangebote nutzen, Einsatz nicht-schädigender starker Reize) und umzusetzen.

 

 

 

 

Trauma-adaptierte Suchttherapie als Querschnittaufgabe

 

Die psychischen Probleme früh bzw. komplex traumatisierter Menschen beeinflussen (fast) alle Lebensbereiche. Deshalb sehen wir auch die psychotherapeutische Bearbeitung von Traumafolgen im Rahmen der Suchttherapie als Querschnittaufgabe, die in den verschiedenen Therapiebereichen jeweils fachlich reflektiert und berücksichtigt werden muss. Dabei ist der schützende Rahmen einer Frauenklinik ohne männliche Patienten äußerst hilfreich.

 

 

Traumasensibles Vorgehen bei der Eingangsdiagnostik und Behandlungsplanung

 

Von Anfang an versuchen wir, den betroffenen Patientinnen ein Höchstmaß an Sicherheit und Verbindlichkeit anzubieten. Hierzu gehören eine vorsichtige Anamneseerhebung, das verbindliche Beziehungsangebot von Seiten der Bezugstherapeutin über den gesamten Therapieverlauf hinweg sowie größtmögliche Transparenz bzgl. der Behandlung („was kommt wann und warum auf mich zu…?“)

 

Hierzu gehören z.B. die frühe Information über psychische und physische Traumafolgen, eine transparente und sensible Vorgehensweise bei notwendigen körperlichen Untersuchungen, eventuell stützende Medikation, aber auch das Verordnen von Physiotherapie und Massage zur Verbesserung des Körpererlebens.

 

 

Ressourcenorientierte Trauma-adaptierte Psychotherapie

 

Die besonders labile psychische Situation von Patientinnen mit Traumata in der Vorgeschichte erfordert ein flexibles, verbindliches und eher hoch-frequentes therapeutisches Angebot. Auf der Grundlage wissenschaftlich anerkannter traumatherapeutischer Ansätze (u.a. Psychodynamisch-imaginative Traumatherapie PITT nach Reddemann) werden Patientinnen darin unterstützt, sich als aktive Überlebende des Traumas wahr zu nehmen, die Sucht als Bewältigungsversuch zu erkennen und bisher nicht genutzte Ressourcen zu entdecken und für sich zu nutzen.

 

Für einen verbesserten Umgang mit traumatischen Erinnerungen (Intrusionen, Flash Backs) wird mit Psychoedukation, (imaginativen und kognitiven) Distanzierungs- und Stabilisierungstechniken sowie individuellen Strategien zur Selbstberuhigung gearbeitet.

Im Hinblick auf auto-aggressive Impulse werden mit der Patientin alternative Formen der Spannungsabfuhr entwickelt wie z.B. sportliche Anstrengung oder die Anwendung extremer aber nicht-schädigender Reize (vgl. Skills-Training nach M. Linehan), die dann auch in anderen Therapiebereichen (Ergo-, Sport-, Arbeitstherapie) aufgegriffen und unterstützt werden. In den meisten Fällen erleben die Patientinnen die erreichte Stabilisierung bereits als sehr entlastend und wenden sich dann auch anderen Themen zu. Eine länger dauernde ambulante Traumatherapie wird – sofern indiziert -  eingeleitet.

 

 

Spezifische Indikativgruppe „Umgang mit Trauma und Gewalterfahrung“

 

Für Patientinnen, die sich in der Einzeltherapie bereits öffnen und etwas stabilisieren konnten, stellt die Indikativgruppe ein wertvolles zusätzliches Angebot dar. Auch in diesem Therapiemodul stehen Stabilisierung und Ressourcen-Orientierung im Vordergrund. Die Teilnahme an der Therapiegruppe ist für manche Patientinnen im Vorfeld beängstigend, meist erleben sie es jedoch als entlastend, aus der Isolation herauszutreten und sich als eine von vielen Patientinnen mit ähnlichen Erfahrungen zu erleben. Der Austausch über Bewältigungsmuster und eigene Ressourcen vermittelt Hoffnung und reduziert Scham- und Schuldgefühle. In der Gruppe werden sowohl psycho-edukative Inhalte über Trauma und Traumafolgen wie auch skills zur verbesserten Impulskontrolle, Selbstregulation und Selbstfürsorge vermittelt.

 

 

Traumasensibles Vorgehen auch in anderen Therapiebereichen

 

Die in Einzel- und Gruppentherapie angestoßenen Prozesse werden mit der Patientin auch im Hinblick auf die übrigen Therapiebereiche wie Ergo-, Sport-, Physio-, Entspannungs- und Arbeitstherapie reflektiert und übertragen. Gerade in diesen Therapiebereichen können Patientinnen wichtige eigene Ressourcen wahrnehmen und diese gezielt einsetzen lernen  So können Themen wie „Grenzen wahrnehmen“ von der Einzeltherapie z.B. auch in die Arbeitstherapie einfließen und auf den jeweiligen Arbeitskontext bezogen, bearbeitet werden – oder auch umgekehrt.

 

 

Einbeziehung von Angehörigen

 

Wo dies möglich und sinnvoll ist, werden Angehörige in die Behandlung einbezogen. Viele traumatisierte Menschen haben auch gegenüber potentiell hilfreichen Angehörigen (Partner/in, Familie) über ihre Verletzungen geschwiegen. Im Verlauf der Therapie ermutigen wir die Patientinnen dazu, stützende Angehörige in den Therapie- und Heilungsprozess einzubeziehen. Sie haben die Gelegenheit im Rahmen von Paar- und Familiengesprächen sowie einem zweitägigen Angehörigenseminar, ihre Erfahrungen zu thematisieren und sich hilfreichen Angehörigen zu öffnen. Die damit verbundene Entlastung bringt oftmals ganz neue Impulse für die zukünftige Gestaltung der Beziehung.

 

 

Vermittlung von ambulanten Hilfen bzw. Weiterbehandlung

 

In der letzten Therapiephase werden betroffene Patientinnen über ambulante Therapiemöglichkeiten beraten. Bei Indikation und Interesse leisten wir konkrete Unterstützung bei der Suche nach einem ambulanten Therapieplatz oder anderen Hilfen, z.B. zur Überbrückung von Wartezeiten.